Emotionen im Fokus

Das perfekte Motiv finden

„Gestern bei der Eröffnung war die Rede von der Verantwortung eines Journalisten. Diese Verantwortung tragen wir auch als Fotograf den Menschen gegenüber, mit denen wir uns befassen“, beginnt die Fotografin Nina Grützmacher ihren Workshop zum Thema Begegnungen. „Wir müssen uns fragen: Was sind sie bereit, uns zu zeigen? Wie viel präsentieren sie uns von sich?“ Denn wonach die Fotografie strebt, sei Nähe, führt sie weiter aus. „Wir alle wollen berührt werden und uns berühren lassen. Und echte Nähe entstehe durch Verletzbarkeit.“ Das sei auch das Ziel des Workshops, erzählt die selbstständige Portraitfotografin: „Ich möchte, dass ihr euch selbst näher kommt. Ziel ist die Begegnung mit euch selbst.“
Dazu bedarf es erst einmal einiger „Aufwärmübungen“: In der Vorstellungsrunde beantworten die Nachwuchsjournalisten keine Fragen zu ihrem Alter und ihrem Studienfach, sondern zu ihren Ängsten und Orten, an denen sie sich sicher fühlen. In Paaren probieren sich die Teilnehmer anschließend an Introspektion und Imagination, indem sie sich bestimmte Situationen vorstellen und ihre Stimmung durch ihren Ausdruck nach außen reflektieren.
Als inhaltlichen Hintergrund bekommen die jungen Erwachsenen dazu Bilder aus einer Fotoreihe zu sehen, die im Rahmen eines Projektes mit Kindern und Jugendlichen in psychiatrischer Behandlung entstanden sind. Die Bilder bestechen – sie sind schön, einfach durch die Ehrlichkeit und Schlichtheit in ihnen. Ihre Technik, betont die Hamburgerin, sei dabei, keinerlei Anleitung zu geben. Ihre Models sollen sich gesehen fühlen – nicht bewertet. Ihre Posen und Ausdrücke kommen aus ihnen selbst: Aus ihrer momentanen Gefühlslage, das sie durch das Vertrauen zum Fotografen nach außen transportieren können.
Technik – gutes Stichwort! Die darf natürlich auch nicht fehlen, wenn es darum geht, mit natürlichem Licht Portraits und Stillleben zu fotografieren. Deshalb folgt ein kurzes Briefing über Blende, Brennweite und Belichtungszeit. Mit den ohnehin guten Fachkenntnissen der Teilnehmer ist das aber schnell erledigt, bevor es dann zum ersten Mal mit der Kamera wirklich ans Werk geht. Mit ihrem theoretischen Wissen und den Utensilien, die Nina Grützmacher mitgebracht hat, entstehen die ersten Stillleben-Fotos, die später in einer Collage zusammengefügt werden sollen.
Anschließend machen sich die Visionäre im Axel-Springer-Hochhaus und auf den Straßen Berlins auf die Suche nach Motiven, die zum Thema Begegnung passen. Die Ergebnisse überraschen – skurrile und lustige Schnappschüsse wechseln sich ab mit nachdenklichen, tiefgründigen Portraits. Vom Berliner Urgestein über Ingwer und Souvenirs ist einfach alles dabei.
Die letzten zwei Stunden verfliegen förmlich im kreativen Chaos – es muss schließlich noch ein angemessener Titel für die Ergebniscollage gefunden werden und so beginnt ein Puzzlespiel mit den Schlüsselwörtern Begegnung, Freiheit und Kunst, bis im Namen „Die Kunst, der Freiheit zu begegnen – Das Große im Kleinen sehen“ das Hauptanliegen der jungen Journalisten auf den Punkt gebracht zu sein scheint.
Nina Grützmacher ist begeistert. Sie freut sich über die Vielfalt der entstandenen Fotos, lobt die Experimentierfreudigkeit ihrer Seminarteilnehmer und bewundert sie für ihren Mut: „Ihr seid einander und euch selbst begegnet – genau das wollte ich heute erreichen“, schließt sie den Workshop.

Autoren

Judith Lottes